Die Kunst des Selbstportraits



Es gibt sicher unzählige Weisen, Selbstportraits zu machen - kreativ, ausgefallen, maskiert, ästhetisch, inszeniert, natürlich, schlicht... Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch, keine Regeln.

Für mich sind Selbsportraits (m)eine Kunst. Kunst, die mich nicht nur zeigt und darstellt, sondern allzu oft ausdrückt, was ich fühle. Es ist mehr als in die Kamera Lächeln - denn das tue ich prinzipiell selten.


Meine ersten "richtigen Selbstportraits" habe ich wohl irgendwann zwischen 12 und 14 gemacht. Für Schüler VZ oder einfach so für mich, weil ich gern fotografierte - ich weiß es nicht mehr. Erinnere mich aber an Bilder mit Wollmütze hinter dem Moskitonetz meines Bettes. Kunst ist ein dehnbarer Begriff.

Nichts desto trotz fühle ich mich seither vor und hinter der Kamera ganz wohl und habe mit Freundinnen unzählige (mal mehr, mal weniger bescheuerte) Bilder gemacht - oder eben auch alleine.

Die Fotografie begleitet mich schon lange in unterschiedlichen Ausprägungen - das, was nach all den Jahren bleibt und mir am Herzen liegt sind meine Selbstportraits.

Und so selbstzentriert es sich anhören mag, so sehr hilft es mir immer wieder aufs Neue, mich selbst verstehen, annehmen und lieben zu lernen.



Selbstportraits und das Selbstbild

Es mag konträr klingen, da ein Selbsportrait in gewisser Weise sehr inszenierend und die Schokoladenseiten beleuchtend scheint, doch mich immer wieder vor die Kamera zu setzen und mich selbst zu betrachten, aus unterschiedlichen Perspektiven, in verschiedenen Settings, hat mir definitiv geholfen, ein gesundes Selbstbild zu finden. Ich weiß, ich habe Makel, die ich nicht mehr retuschieren muss. Genauso weiß ich, was ich an mir mag, weil ich es selbst entdeckt habe.

Natürlich ist es ein etwas verzerrtes Bild, all die gut gewordenen Fotos zu sehen und sich in Erinnerung rufen zu müssen, dass die Haare an dem Tag eigentlich fettig und platt waren und eben nur auf dem eingefrorenen Bild gut aussehen.

Trotz alledem haben mir all meine Shootings mit mir selbst geholfen, zu mir zu stehen und mich schön zu finden. Egal, was Schönheitsideale sagen (wobei mir auch bewusst ist, dass ich wohl einigermaßen in ein idealisiertes Raster falle). Natürlich gibt es Tage, an denen man am liebsten dem Spiegel den Rücken kehren möchte, doch ich weiß, es sind Phasen.



Selbstportraits und Emotionen

"Lach doch mal" - Zitat Family und Friends jenseits der 50.

Nein, ich will nicht lachen, oder um ein weiteres Zitat anzubringen:

"Come on, little lady, give us a smile"

No, I ain't got nothin' to smile about

I got no one to smile for, I waited a while for

A moment to say I don't owe you a goddamn thing

Halsey - Nightmare


Zwar bin ich ein positiver, fröhlicher Mensch, doch wenn ich mich selber fotografiere, dann nicht, um ein aufgesetztes Lächeln zu präsentieren und so zu tun, als wäre alles Heiterkeit und Sonnenschein. Ist es oft nicht. Mich umgibt allzu oft eine Wolke der Melancholie, der Zweifel oder der Nachdenklichkeit. Fotos in diesem Zustand zu machen ist meine Weise, mich damit auseinander zu setzen. Meinen Emotionen Raum zu geben, den sie im Alltag oft nicht haben. Selbstportraits sind für mich immer eine Beschäftigung mit meinen Licht- und Schattenseiten, nicht nur fotografisch betrachtet. Das verleiht meinen Bildern Tiefe, Ehrlichkeit und Gefühle - egal, wie inszeniert der Moment ist. Und auch mir hilft der Prozess jedes Mal aufs Neue: Bilder machen, bearbeiten, teilen.

Es ist ein wenig, wie Therapie.