Nackt im Netz - was erotische Bilder mit mir gemacht haben



Normalerweise besteht meine Finder-Auswahl an Fotos auf meinem Computer aus einer Reihe Portrait- und Businessfotos und relativ schlichten Selbstportraits. Dieses Jahr ist das anders.

Denn dieses Jahr bin da ich - in Unterwäsche oder ganz nackt.

Dieses Jahr habe ich mich das erste Mal so richtig getraut, mich nackt vor meine Kamera zu setzen - nicht für meinen Freund oder eine Affäre, einfach nur für mich. Das hat sich gut angefühlt. Und vielleicht hat es dazu geführt, dass ich es wieder getan und schließlich mit dem "erwachsenen"-Content erstellen angefangen habe. Das war kein Akt der Verzweiflung aus der Krise heraus, es war Neugierde und Kreativität.


Nun bin ich ungefähr ein halbes Jahr dabei, mache eine Achterbahnfahrt der Gefühle, mit mal mehr mal sehr viel weniger erfolgreichen Phasen. Nach einem halben Jahr ist es an der Zeit, ein kleines Zwischenfazit zu ziehen und mich einmal schriftlich mit der Frage auseinanderzusetzen, was diese Art der Fotografie eigentlich mit mir gemacht und in mir bewegt hat - denn diese Frage brennt sicher auch anderen unter den Nägeln.


Mein Selbstbild

Wenn ich meine ersten Nacktbilder mit meinen jetzigen vergleiche, dann sehe ich einen enormen Unterschied zwischen ihnen. Müsste ich diese ersten Portraits in Worten beschreiben, dann wären es wohl solche: schüchtern, bedeckt, fragend, zweifelnd, fragil, zögernd.

Ich weiß noch, wie ich vor der Kamera saß, über mein Handy-Display direkt auf meine Brüste starrte und mich fragte, ob diese überhaupt schön seien. Ist es nicht verrückt, wie uns Frauen von klein auf beigebracht wird, dass wir nie schön genug sein können? Wie uns sich immer wieder ändernde Ideale eingetrichtert werden? In meinem Kopf ist fest das Bild von perfekten, runden, großen Brüsten, einem flachen Bauch und einem einigermaßen kurvigem Hintern verankert. Naja und ich... Bin eben relativ "normal" - was auch immer das bedeuten soll. Jedenfalls sind meine Brüste klein, nicht wirklich rund, alles andere als perfekt und immer ein recht unangenehmes Thema für mich gewesen.

Ebenso verhielt es sich mit meiner Vulva. Und allein Vulva schreiben zu können, zeigt schon, wie sich mein Bild verändert hat. Ich bin nämlich mit dem Wort Schambereich aufgewachsen. Und so war auch mein Bezug dazu Scham. Eine Körperzone, für die man sich schämen muss. Während ein Teil der Männer fröhlich Dickpicks in die Welt sendet, ohne es auch nur einmal infrage zu stellen, sitzt ein Großteil der Personen mit Vulva vermutlich zu Hause und fragt sich, ob die eigene Vulva eigentlich schön ist (ja, ist sie!), sieht man doch a) selten mal eine zum Vergleichen und b) jene, welche man z.B. in Pornos sieht, sehen dann so komplett anders als die eigene aus.

Vulvapicks sind also ziemlich unmöglich, oder? Ich habe sie trotzdem gemacht - nur eben verkauft, anstatt sie ungefragt zu verschicken.


All diese Bilder von meinem Körper und angezweifelten Körperzonen waren für mich auf eine gewisse Weise heilsam. Haben mir die Schönheit meines Körpers, der eben auch so viel mehr ist, als eine Hülle, vor Augen geführt. Mich immer wieder selbst anzublicken, mich mit mir auseinanderzusetzen, mit den Schokoladenseiten und den anderen Seiten, hat mir geholfen, mich mehr zu akzeptieren und zu respektieren.

So wie ich bin, bin ich genau richtig - und du bist es auch!



Im Zwiespalt

Es gibt trotz alledem Dinge, bei denen ich nicht genau weiß, wie ich empfinde.

Gesellschaftliche Vorstellungen, die so fest in meinen Kopf gebrannt sind, dass ich sie nicht so einfach loslassen kann. Körperbehaarung z.B.

Zwar rasiere ich mich ab und an, wenn mir meine Haare zu lästig werden, doch regelmäßig habe ich einfach keine Lust, meine Lebenszeit mit Haarentfernung zu verschwenden. Und dann erwische ich mich dabei, Achselhaare wegzuretuschieren. Weil die eben nicht sexy sind (obwohl ich mir doch ziemlich sicher bin, dass irgendwer sie extrem sexy finden würde). Es sind Momente wie diese, in denen ich mich frage, ob ich wirklich in meiner Selbstakzeptanz angekommen bin, wenn ich doch das Bild mit dem eingezogenen Bauch wähle, statt jenes, auf dem Bauchfalten zu sehen sind.

Doch wie soll man so fest verankerte Glaubenssätze und Bilder von heut auf morgen loswerden? Wenn dir seit über zehn Jahren eingetrichtert wird, wie du auszusehen hast, was schön und was ekelhaft ist, dann geht das nicht so schnell - jedenfalls nicht für jede Person.

Trotzdem möchte ich ja das Bild vermitteln, dass jede:r eben ganz natürlich schön ist, keinem Ideal entsprechen muss. Und dennoch muss ich wohl zugeben, dass ich ein Mensch mit Zweifeln und vielleicht auch einer gewissen Eitelkeit bin. Dass ich meine Bilder ab und an retuschiere. Doch ich gebe mein bestes, mich von diesen festgefahrenen Idealbildern loszulösen und der Prozess ist, denke ich, letztendlich okay.


Ein weiterer Zwiespalt, der sich in mir bildet, hängt mit Feminismus zusammen.

Ist erotische Inhalte verkaufen feministisch? In meinen Augen und unter gewissen Bedingungen ein klares ja.

Diese Bedingungen lauten in meinen Augen u.a. Selbstbestimmung, Konsens, faire Produktion. Da ich meinen Entschluss aus freien Stücken und eigenem Willen geschlossen und für all meine Inhalte selbst verantwortlich bin, mir niemand Druck oder Vorschriften macht, sage ich ja, es ist feministisch, eine erotische Dienstleistung anzubieten.

Das Problem ist, wenn das Thema dann doch mal angesprochen wird. Wenn ich doch mal wieder feststelle, dass meine feministisch-tolerante Internet-Bubble eine sehr, sehr kleine ist und andere ein ganz anderes Weltbild sehen oder vertreten. Dann stehe ich da und stammle vor mich hin. Ich bin nicht gut im Diskutieren und auch nicht im faktisch erklären und überzeugen. Ich habe meine Prinzipien, weiß, was sich für mich richtig anfühlt, aber ich bin keine große Rednerin.

Der Zwiespalt besteht nicht darin, was nun die richtige Meinung ist. Mein Zwiespalt ist, ob ich diese Rednerin sein will. Ob ich die flammende Feministin bin oder sein muss, die ihre Überzeugungen lautstark vertritt. Online sehe ich all die tollen Creator:innen, die sich diesbezüglich ausdrücken können, tolle Texte schreiben und Videos oder Podcasts machen. Ich würde so gerne mitmachen und finde doch nicht die Worte.


Nackt im Internet

Nun bin ich also hier, nackt im Internet, zu sehen. Für viele vielleicht der Albtraum schlechthin, wenn die privatesten Fotos für alle sichtbar im Netz landen. Wie fühlt sich das also an?

Für mich fühlt es sich erstaunlich gut und normal an. Ich teile Bilder, hinter welchen ich zu 100% stehe und es fühlt sich an, als würde ich einem Teil der Gesellschaft, welcher mir einreden will, was ich darf und was nicht, was richtig und was schmutzig ist, die Macht über mich nehmen. Denn ich mache es trotzdem.

Seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten, hat unsere Gesellschaft einen Stock im Arsch, was (vor allem weibliche) Sexualität und Nacktheit angeht und ich hoffe, einen winzig kleinen Teil dazu beitragen zu können, dieses Bild positiv zu verändern.

Und wie ist das mit der Sexualisierung des eigenen Körpers? Für mich war das eine bewusste Entscheidung, eine Frage, die ich mir gestellt habe und auf welche ich die Antwort gefunden habe, dass es okay für mich ist - okay im Rahmen des Safe-Spaces meiner Plattformen. Das Feedback, das ich dort bekomme, ist zu einem sehr großen Teil unheimlich wertschätzend und positiv, was vielleicht auch damit einhergeht, dass man eine Sache mehr wertschätzt, wenn man Geld dafür bezahlt. Was Menschen denken, die über mein Instagram-Profil stolpern, kann ich nicht beeinflussen. Das kann ich ebenso wenig, wenn ich draußen unterwegs bin und mir hinterher gepfiffen wird oder der kurze Rock als "Einladung" miss-interpretiert wird.

Soll ich es nicht teilen, weil es respektlose, übergriffige Menschen gibt?

Für mich ein klares "gerade deshalb!".


Es gäbe sicher noch so einiges zu dieser Thematik zu schreiben, doch ich belasse es erst einmal dabei. Als Fazit sehe ich auf der einen Seite, dass mir diese Arbeit unheimlich viel Spaß macht, sie sich gut für mich und meinen Körper anfühlt und ich meine Kreativität gerne auf diese Weise auslebe. Auf der anderen Seite sehe ich gesellschaftliche Vorstellungen und Normen, von denen ich mich manchmal noch nicht ganz frei machen und gegen die ich manchmal nicht so ganz gegen an argumentieren kann. Es ist so ein bisschen so, als würde man sich mit einem extrem dummen Argument konfrontiert sehen. Da ist man manchmal auch einfach nur sprachlos (oder bin das nur ich?).


Nacktheit und Sexualität sind etwas ganz Natürliches und menschliches. Jede:r sollte sie so ausleben können und dürfen, wie es sich eben gut anfühlt und sich dabei sicher fühlen können.

Nur bis dahin ist es wohl oder übel noch ein weiter Weg.