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Wie social Media Dich davon abhält, Deine alten Gewohnheiten abzulegen



Die letzten drei Monate waren, retroperspektiv betrachtet, ein ganz schönes Auf und Ab. Der Januar war mein Yoga Monat - jeden Tag Yoga. Tat mir gut. Der Februar fühlte sich volle Möhre nach dem typischen Neujahrstief an. Alles grau, alles dunkel, alles määh. Der März begann mit einer Fastenkur, einem Schwung Kreativität und Motivation, der Idee, was seelenele sein soll. Tat mir richtig gut.

Und dann?


Dann war alles so, wie es irgendwann davor mal war. Erkältet, mit dicker Nase und taubem Kopf, sitze ich da und bin hin- und hergerissen zwischen “Ist doch alles halb so wild” und “Warum klappt es denn einfach nicht?!”

Die alten Muster und Gewohnheiten klopften schneller an die Haustür, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich sag es mal so: drei Teller Nudeln schaff ich mittlerweile wieder ganz locker. Und ich frage mich, wo ist all das Positive hin? Wo ist all die Energie, all die Motivation, all die Disziplin?


Ist es nicht ganz einfach logisch, dass wir etwas, das wir uns Jahre lang antrainiert haben, nicht mal eben so in ein paar Wochen für immer ablegen?

Vielleicht bin ich auch einfach nicht der Typ Mensch, der 24/7 super pumped ist, um die bestmögliche, erfolgreichste und schönste Version meiner selbst zu sein. Vielleicht liebe ich Nudeln auch einfach ein bisschen zu doll. Trotzdem sehne ich mich nach meinen neu erlernten Gewohnheiten, dem Yoga, dem gesunden Essen, den produktiven Morgen.


Keine faire Verurteilung

Meine erste Reaktion auf diese Sehnsucht, mit der ich nach wie vor ringe, ist die Selbstverurteilung. Da nehme ich plötzlich Gedanken wahr, die ich vorher eher selten gedacht habe. “Während deiner Fastenkur warst du so viel schlanker, muskulöser und hübscher!” denke ich, während ich auf mein mit neuseeländischer Schokolade vollgefuttertes, zufriedenes, aber eben nahezu kugelrundes Bäuchlein hinunterblicke. “Im Januar hast du jeden Tag Yoga gemacht, du hast sogar Bauchmuskeln bekommen, bist richtig gut geworden, und jetzt hast du Rückenschmerzen, weil du nur rumliegst!” tadel ich mich, während ich auf dem Sofa hockend Animal Crossing spiele, da alles andere in meinem kränklichen Zustand gerade einfach nur anstrengend ist. Und dann öffne ich Instagram, sehe all die superschlanken Yogis und veganen Ernährungsprofis da draußen, während das halbe Franzbrötchen von heute Morgen mir durch die Gedanken schwirrt und mir ein schlechtes Gewissen macht. Scrolle ich dann weiter, laufen mir all die tollen Menschen über den Weg, die ihren Körper feiern, mit jeder Rundung, jedem Pfund Schokolade und sogar mit der Körperbehaarung. Die mir erzählen, dass ich okay bin, so wie ich bin. Warum kann ich nicht so sein? Aber Moment. Wie denn jetzt genau?! Vollschlanker veganer Yogi-Ernährungs-Profi oder doch Schokoladen-Bauch-besitzender, sich-selbst-akzeptierender Mensch?! Da verurteile ich mich dafür, A nicht zu sein und wäre letztendlich auch mit B total zufrieden?! Das ist keine besonders faire Verurteilung.


Die Ablenkung durch social Media

Während ich also vor mich hin hustend auf dem Sofa verweile, gehe ich der einzig sportlichen Betätigung nach, die mir in diesem Zustand möglich ist: im Internet surfen. Auf YouTube schaue ich schließlich ein Video (oha!). Es geht darum, Social Media durch eine andere, bessere Tätigkeit zu ersetzen - konkret: Micro Journaling.

Bedeutet: Jedes Mal, wenn du Instagram öffnen möchtest (das du idealerweise deinstallierst), öffnest du stattdessen die Notizapp und schreibst deine Gedanken, Gefühle oder Ideen auf. Darauf habe ich ja nur gewartet, denn ich liebe so n’ Shit! Also Instagram deinstallieren und nur noch in die Touchscreen-Tastatur tippen.

Doch warum erzähle ich überhaupt davon, was ist der Zusammenhang mit dem nicht Durchhalten meiner guten, neuen Gewohnheiten?

Nach bereits zwei Stunden kommt die erste Erkenntnis um die Ecke. In meinem Selbstverurteilungsmodus picke ich lediglich auf mir selbst herum und suhle mich ein bisschen in so etwas wie Selbstmitleid. Ich frage mich: Warum kann ich das nicht?! Wieso bin ich zu blöd dazu?! Wieso kann ich nicht zurück zu dem Zustand vor und während meines Fastens?! Ich frage, wieso weshalb warum aber nicht konkret was sich eigentlich verändert hat. Und mit dieser Frage wird mir erst klar, dass ich in der Zeit, in der es mir so wahnsinnig gut ging, kein Social Media konsumierte - über einige Wochen hinweg schaute ich mir keinen einzigen Post, keine einzige Story von irgendwem an. Weder von den superschlanken Yogis und veganen Ernährungsprofis, noch von den sich selbst akzeptierenden, tollen Menschen da draußen. In dieser Zeit war ich viel achtsamer mit mir selbst, mit meiner Zeit und bei allem, was ich machte und machen wollte. Als ich schließlich meine Fastenkur (den Gipfel meiner Hochphase) beendete und seelenele teilen wollte, schlich sich (vor allem) Instagram erst ganz subtil und dann immer konstanter zurück in meinen Alltag. Der Morgen begann wieder damit, Zeit auf dem Klo verstrich mit jedem Scrollen, meine Arbeit wurde alle zehn Minuten spätestens unterbrochen. Konkret heißt das, dass ich meinen Morgen damit beginne, Zeit auf dem Klo vertrödele und konzentriertes Arbeiten unmöglich mache, weil ich mich verdammt nochmal ständig ablenke - meine Verantwortung.



Was hat Social Media ganz konkret mit dem nicht Durchhalten meiner guten, neuen Gewohnheiten zu tun?

Je intensiver ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass ich meinen Fokus nicht ansatzweise so sehr unter Kontrolle habe, wie ich mir das wünschen würde. Darüber hinaus ist es auch kein Geheimnis mehr, dass Social Media Apps genau dafür konzipiert sind, die User so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, um ihnen immer mehr Werbung ins Gehirn zu hämmern. Mein Fokus ist also komplett zerstreut. Überall ein bisschen, nirgendwo so richtig, mit einer ordentlichen Prise Selbstverurteilung für alles, was ich online sehe und selbst nicht bin. Jede Sekunde wird mit dem Konsum von mehr oder weniger sinnvollem Content vollgestopft, da bleibt keine Zeit zum Nachdenken, zum Ideen sammeln oder Energie aufbringen, für Dinge, die wirklich guttun. Kurz gesagt: all das kostet mich unfassbar viel Energie. Energie, die mir dafür fehlt, gesunde Entscheidungen zu treffen. Yoga zu machen (nicht, weil ich ein vollschlanker Yogi sein möchte, sondern weil es bei meinen Rückenschmerzen hilft), gesund und mal nicht zu viel zu essen (nicht, weil ich dann schlank und schön bin, sondern weil ich aus Erfahrung weiß, dass es mir danach besser geht), morgens lesen und etwas lernen (nicht, weil ich so ein super pumped Mensch bin, sondern weil es mir Freude macht und meinen Horizont erweitert) und mir auch mal neuseeländische Schokolade gönnen (nicht, weil ich meinen Schoko-Bauch zwanghaft akzeptieren und lieben muss, sondern weil diese Schokolade verdammt nochmal super lecker ist).


Fazit

Ich denke, letztendlich gibt es viele kleine Auslöser, die mich in meine alten Muster zurückfallen lassen, die alte Gewohnheiten wieder aktivieren und es verdammt schwer machen, die neuen durchzuziehen.

Eine weitere Sache, welche ich aus dem Video mitnehme, ist, dass ein Rückfall nicht gleich Scheitern bedeutet. Es ist ein schlechter Tag, eine schlechte Woche, oder eben einfach ein kleiner oder großer Rückfall. Das bedeutet, man muss vielleicht ein paar Schritte wiederholen, die man bereits gegangen ist, doch es gibt auch einen Punkt, an dem man wieder anknüpfen kann.

Es ist schon fast besorgniserregend, wie schnell sich bei mir eine Veränderung einstellt. Es dauert keine Wochen oder gar Monate, bis ich wieder mehr Energie und Klarheit habe. Maximal ein paar Stunden und mein Kopf füllt die neu entstandene Lücke, wo vorher Instagram all meine Aufmerksamkeit in Beschlag nahm, mit neuen Gedanken und Ideen. Was mir deutlich vor Augen führt, wie sehr wir uns durch Social Media ablenken und betäuben und wie wir unser eigenes Potenzial entsetzlich einschränken (so sehr das auch nach Selbsthilfe-Buch-Kitsch klingen mag).

Mit jedem weiteren Tag merke ich, dass ich so etwas wie Willenskraft zurückgewinne. Wie es immer leichter für mich wird, bessere Entscheidungen zu treffen und die vermeintlich anstrengenden Dinge auch wirklich zu tun.


Notizapp statt Instagram mag vielleicht seltsam klingen, für mich funktioniert es bislang jedoch wunderbar. Vermutlich auch deshalb, weil ich schon seit Ewigkeiten meine Gedanken in irgendeiner Form aufschreibe. Regelmäßig innehalten und sich mit dem eigenen Wirrwarr aus Gedanken, Gefühlen und Ideen auseinanderzusetzen ist wohl eine Übungssache, die aber zu 100% mehr Früchte trägt, als die Zeit in sinnloses Scrollen zu investieren. Vielleicht probierst du es ja auch mal aus? Falls ja, erzähl mal, wie es läuft ;)


Liebste Grüße

Nele


 

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